Was für Theater in Amerika: Das falsch verheißene Land
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Was für Theater in Amerika : Das falsch verheißene Land Gastbeitrag Von Ursula Krechel04.05.2026, 07:53Lesezeit: 9 Min.Bildbeschreibung ausklappenKafka weiß es wieder einmal besser als die Wirklichkeit: Bei ihm trägt die New Yorker Freiheitsstatue ein Schwert.Adobe StockEs gibt gute Gründe, Amerika gegenwärtig mit Staunen, ja mit Entsetzen anzusehen. Es schaut nicht zurück. Ein Blick über den Atlantik mit der Hilfe von Franz Kafka.Zusammenfassung Anhören Merken TeilenVerschenkenDrucken Zur App Das Desaster, das Desaster: Woher kommt das Entsetzen, das sich breitmacht und dem mit blanken Augen entgegengesehen werden muss? Ja auch entgegengeschrieben werden muss, wenn dieser Begriff überhaupt etwas taugt.Ein junger Mensch entzieht sich den Folgen seines Tuns. Vielmehr: Er wird entzogen. Vielmehr: Er wird versetzt, ausgesetzt, eingeschifft, von seiner Familie davor bewahrt, die Folgen seines Tuns auf sich zu nehmen. Ein Ozean zwischen dem auslösenden Geschehen und dem, was ihn erwartet. Karl Roßmann, so heißt die Erzählfigur in Franz Kafkas Romanfragment „Der Verschollene“, „der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte“. Erst sehr viel später erinnert er sich, die Mutter habe ihm „am Fenster an einem schrecklichen Abend die Amerika-Reise angekündigt“. Das 21. Jahrhundert hat, was Schwangerschaften betrifft, einen anderen Kodex, und die Verführung durch Dienstmädchen, dargestellt als sexuell hungrige Vampire, gehört eher ins Reich der patriarchalischen Mythen.Das Urteilist schon gefälltAls das Schiff in New York landet, sieht Karl im Hafen die Freiheitsstatue, die Kafka „Freiheitsgöttin“ nennt. Doch statt der Fackel trägt sie bei Kafka ein Schwert. Sie ist nicht die mütterlich Umfangende, die er sich wünscht wie all die hoffnungsvoll Ankommenden, nicht die, der Emma Lazarus ihr berühmtes Gedicht „The new Colossus“ gewidmet hat, nicht die, die sich darin anbietet, the wretched refus...




